Insel-Bücherei

Ich kenne Inselbücher schon seit Kinderzeiten.


Wohl vertraut sind mir diese kleinen Büchlein seit etlichen Jahrzehnten, allerdings beginnt sich der Reiz dieser Reihe erstaunlicherweise erst seit wenigen Monaten für mich zu erschließen.


Was ist aber das Faszinierende?


Zum Einen würde ich - Achtung, das ist als meine subjektive Meinung zu werten - den wohl einmaligen Querschnitt durch die Weltkultur nennen.
Und wenn es in vielen Fällen auch nur Extrakte, wesentliche Extrakte aus großen Werken großer Künstler - Schriftsteller, Baumeister, Bildhauer oder Maler  - sind, sie machen in dieser Auswahl und Form Appetit auf mehr. Hat man einmal die handgezeichneten Naturbildbändchen oder die liebevoll bebilderten Texte betrachtet und gelesen, kann man sich als Buchliebhaber dieser Faszination nur schwer entziehen.


Inselbücher werden mittlerweile zu recht hohen Preisen als "Geschenkbücher" gehandelt. Dabei war es gerade die sehr lobenswerte Ambition der frühen Herausgeber, Werke der Weltkunst auch erschwinglich für den kleinen Geldbeutel unter die Massen zu bringen.
Doch wem es vor Allem lediglich aufs Lesen ankommt, der kann diese Werke als broschiertes Taschenbuch wesentlich billiger erstehen.
Inselbücher dagegen bieten über den Lesewert hinaus auch einen hohen ästhetischen Anreiz.

 

"Du liest das doch sowieso nicht alles." - so die Feststellung meiner Tochter.
Sie hat Recht, Etliches, was seit 1912 im Rahmen der Inselbücherei erschien, trifft nicht unbedingt meinen literarischen Geschmack. Vieles hat tendenziösen Charakter, gerade die Ausgaben in den Zeiten der deutschen Diktaturen. Im Dritten Reich wurden zum großen Teil jüdische oder "entartete" Künstler "ausgemerzt", d.h. nicht wieder neu aufgelegt. Es wurde einfach die frühere Ausgabennummer neu belegt z.B. durch die "Werke" von Schriftstellern, welche sich regimekonform verhielten, was aber leider nicht in jedem Fall für die Qualität der angebotenen Inhalte von Vorteil war.
Und auch in Zeiten des Kalten Krieges findet man in den Leipziger Ausgaben viele russische oder, besser gesagt, sowjetische oder kommunistische Autoren, deren Schriften ich lediglich aus Neugier einmal durchblättere.


Eines ist trotz allen Tendenzen über die reichlich hundert Jahre des Bestehens der Buchreihe allen Ausgaben erhalten geblieben und das ist der ansprechende optische Eindruck, welchen jedes Buch hat.
Sei es in der Auswahl des Einbandpapiers, von den früher verwendeten Rizzi-Papieren hin zu dem mittlerweile für jede einzelne Nummer einmalig entworfenem Buntpapiermuster oder sei es auch nur über die Rahmenfarbe des Titelschildchens.
Jedes Buch ist somit ein Unikat (abgesehen von der jeweiligen Auflagenhöhe).
Und dennoch, trotz aller Vielfalt, hält das stets gleichbleibende Buchformat, die Gestaltung und Position des Titel- und Rückenschildchens den gemeinsamen Charakter der Inselbücherei immer noch aufrecht.
Auch wenn ich nicht alles lesen werde, die Sammlerleidenschaft ist erwacht. Lücken in den Nummernkreisen sind immer schwerer zu ertragen und müssen gefüllt werden.

 

Meine Hochachtung gilt natürlich den "richtigen" Sammlern, welche wohl über Jahre hinweg sich ein umfassendes Wissen über die Erscheinungsvielfalt und Besonderheiten der Insel-Bücherei angeeignet haben. In diese Sphären werde ich wohl kaum vordringen.

 

Dennoch, wie schön sehen diese bibliophilen Kostbarkeiten in einem Bücherregal aus. Welch ästhetischer Genuss...

Und gerade wenn man einmal ein Büchlein mit einer sehr persönlichen Widmung aus Kriegsjahren oder anderen bewegten Zeiten in den Händen hält oder dieses noch so wunderbar gut erhaltene Exemplar schon mehr als hundert Jahre alt ist, dann sorgt das - zugegeben - auch für ein wenig Gänsehaut.

Der Hauch der Geschichte...

 

Und - noch eine bescheidene Frage - gibt es Menschen, denen das Sammeln keinen Spaß macht?

 

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