Der Zauberberg?

 

"morbider Charme" - dieser Begriff, geprägt in einer Rezension zu Thomas Manns berühmten "Zauberberg", der in zwei Worten den ganzen Charakter des Sanatoriums hoch in den Schweizer Bergen beschreibt, gefällt ihm sehr.

Charme - einen eigenartigen Charme hat auch diese Einrichtung, in der er sich befindet.
Nicht mondän, aristokratisch oder gar morbid ist es hier - dennoch übt die Situation einen eigenartigen anziehenden Reiz auf ihn aus.


Betrachtet man die Gegebenheiten, dann kann man sagen, dass auch in der Welt derzeit eine dumpfe Endzeitstimmung herrscht. Wohin das Ganze führen wird, soll nicht Gegenstand dieser Betrachtungen sein - jedoch bildet das Leben da draußen den passenden äußeren Rahmen.


Und dann gibt es diese Einrichtung, welche, nennen wir ihn, um keine Urheberrechte zu verletzen, Kässdorff, täglich besucht.


Hier hat sich eine Art Parallelwelt entwickelt, eine Art Parallelgesellschaft.


Hier findet man ein umfassendes Spektrum menschlicher Charaktere auf kleinem Fleck versammelt, welche geregelten Abläufen unterworfen sind - vereint nur durch die Tatsache, wegen des gleichen Leidens hier sein zu dürfen.


Wen wundert es, dass sich durch diese Tatsache in Gesprächen und Verhaltensweisen ganz eigene Gepflogenheiten entwickelt haben, die jeder Neuankömmling bereitwillig aufnimmt, obwohl sie sich um Einiges von denen der Außenwelt unterscheiden.


Kässdorff fühlt sich umsorgt, behütet und beschützt.
Durch die hier herrschenden Bedingungen wird er wie mit einer unsichtbaren Schale von außen abgeschirmt. Hier ist er Gleicher unter Gleichen.
Draußen ist er allein in der lauten, hektischen Masse, die keine Zeit für ihn und seine (noch vergleichsweise geringen) Leiden hat.


Aber es ist durchaus auch menschentypisch, dass sich die "Normalen" von ihm unbewusst,  vielleicht in der Furcht, sich anzustecken, etwas fern halten. Man will nicht wahr haben, dass man so verletzlich ist, dass das ganze gewohnte Leben an solch einem dünnen Faden hängt und sich in Sekundenschnelle ändern kann.
Sein Fall ist ein Beispiel für seine bisherige Umgebung, die Freunde und Verwandten sind teilnahmsvoll, scheinen aber auch etwas unangenehm berührt, weil der Blitz dieses Mal direkt neben ihnen eingeschlagen hat.


Ist er ihnen nun einen Schritt voraus? Hat ihn diese Erfahrung etwas gelehrt, was die Anderen noch nicht wahrnehmen wollen oder können?


Wie wird er sich verhalten? Wohin wird er nun gehen? Wird er wieder so sein wollen, wie bisher? Wird er das Geschehene, die Momente haben sich alptraumartig in seine Erinnerung eingegraben, irgendwann wieder vergessen können und so weiter leben wie alle Anderen?


Wie angenehm ist es, sich daher noch einige Tage in dieser Einrichtung vor den drängenden Fragen und Entscheidungen verstecken zu können.
Er fühlt sich hier gut aufgehoben, hat Menschen gefunden, denen Gleiches widerfahren ist und führt mit ihnen ein ganz anderes Leben als die da draußen.


Aber ein Fehlschluss ist es zu glauben, dass das hier Freunde sind.
Es ist eine Zweckgemeinschaft von Leidensgenossen. Mehr nicht...


Aufwachen Kässdorff - so kann das nicht weiter gehen.


Draußen wartet die Welt.


Entscheide dich.

 

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